Steinbrecht:Vom Sitz zu Pferde

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1. Vom Sitz zu Pferde.

Ehe wir uns dem eigentlichen Thema dieses Werkes, der Bearbeitung des Pferdes zuwenden, ist es nothwendig, daß wir uns über die Mittel einig werden, welche dem Menschen zu dieser Aufgabe zu Gebote stehen. Jch meine damit nicht die äußeren Werkzeuge, deren er sich bei seiner Arbeit bedient, den Zaum, den Sattel, die Sporen, die Peitsche, die Longe, die Pilaren, denen wir kein besonderes Kapitel, sondern nur gelegentliche Bemerkungen widmen wollen, ich meine vielmehr den Gebrauch, welchen zum Zweck der Bearbeitung des Pferdes der Mensch von seinem eigenen Körper macht. Dieser Gebrauch seiner Glieder wird nur dann ein sachgemäßer und zum Ziele führender sein, wenn er in jeder Beziehung auf einem eingehenden Verständniß für die Natur des Pferdes und einer genauen Kenntniß seines Körperbaues basirt ist. In diesem Sinne verstanden, sind die Mittel zur Bearbeitung des Pferdes in erster Linie ein zweckentsprechender, naturgemäßer Sitz auf demselben und sodann von diesem Sitze ans der richtige Gebrauch der Gliedmaßen zu den Einwirkungen auf das Pferd.

Es kann natürlich nicht meine Absicht sein, die allgemein bekannten Regeln für den Sitz des Reiters hier zu wiederholen, sondern ich möchte nur diejenigen Gesichtspunkte kurz beleuchten, welche mir für den Sitz, als Mittel zur Dressur, wesentlich zu sein scheinen.

Ein eingewurzeltes Vorurtheil hat einen sogenannten normalen Sitz des Reiters festgestellt, d. h. eine Körperform, die der Reiter zu Pferde ein für alle Mal anzunehmen habe. Ich suche in dem Umstande, daß dieser Normalsitz dem Schüler von Anfang an angewiesen und mit Strenge ein- geübt wird, einen hauptsächlichen Grund, weshalb viele junge Leute von der Reitbahn und dem systematischen Studium der Reitkunst abgeschreckt werden und sich lieber dem ungebundenen Jagd- und Steeplechase-Reiten einseitig zuwenden, während sie bei rationeller Anweisung vielleicht für die höhere Schule gewonnen worden wären.

Einen normalen Sitz zu Pferde, wenn man darunter eine auch nur für die Mehrzahl der Fälle richtige Körperhaltung verstehen will, giebt es gar nicht, denn der Reiter sitzt nur dann richtig zu Pferde, wenn der Schwerpunkt, oder vielmehr die Schwerpunktslinie seines Körpers mit der des Pferdes zusammenfällt Nur dann ist er mit seinem Pferde in vollkommener Harmonie und gleichsam eins mit ihm geworden. Da aber der Schwerpunkt des Pferdes nach seiner verschiedenen Haltung und Richtung sehr verschieden verlegt werden kann, so muß sich danach auch die Richtung des Reiters jedes Mal ändern. Es ist das Privilegium des feinen, durchgebildeten Reiters, dem Pferde sogleich anzufühlen, wo sein Schwerpunkt liegt, sich mit ihm in Harmonie zu bringen und sich nun den Schwerpunkt des Pferdes so zu verlegen, daß durch die Haltung desselben sein schöner, leichter und ungebundener Sitz bedingt wird. Es sind dies die wenigen Reiter, von denen man sagt, daß jedes Pferd unter ihnen um 100 Procent im Werthe steige. Es wird stets eine Karritatur, wenn der Reiter seine Haltung nicht nach der des Pferdes zu nehmen, oder die Richtung des Pferdes nach der seinigen richtig zu bilden versteht. Der Engländer auf seinem lang dahingehenden Pferde, mit kurzen Bügeln und krummen Rücken ist keine schöne, aber eine naturgemäße und deshalb nicht karrikirt zu nennende Erscheinung, während der arme Sonntagsreiter mit gestreckten Schenkeln, durchgebogenem Rücken und festangepreßten Armen auf seinem lebensmüden Philister der lächerlichste Anblick von der Welt und daher auch das Gespött derselben ist.

Der sogenannte normale Sitz wird dann erst zum schönen und eleganten, wenn das in’s richtige Gleichgewicht gerichtete Pferd seinen Reiter selbst darin versetzt. Ein solches Bild ist dann wahrhaft harmonisch, und der Mann wird nie im Leben vortheilhafter erscheinen, als wenn er sich so zu Pferde zeigen kann. Wer es einsieht, daß die Schönheit und Leichtigkeit des Sitzes nicht von der Körperhaltung des Reiters allein abhängt, sondern ebensosehr von der guten Haltung und dem geregelten Gange des Pferdes, der wird es natürlich finden, wenn ich rathe, den Schüler, sowie er einige Sicherheit gewonnen hat, darauf hinzuführen, daß er auch auf die Richtung seines Pferdes mit einwirke, sollte dies auch ab und zu mit Aufopferung der normalen Haltung geschehen.

Der hauptsächlichste Lehrmeister für den Sitz muß dem angehenden Reiter immer das Pferd sein. Bei der unendlichen Wichtigkeit, die ein guter, d. h. naturgemäßer, schmiegsamer, weicher Sitz nicht nur für den Reiter überhaupt, sondern ganz besonders für denjenigen hat, der sich später mit der Dressur des Pferdes befassen will, einer Wichtigkeit, die uns in jedem Kapitel dieses Werkes immer wieder entgegentreten wird, kann es doch kaum etwas Verkehrteres geben, als den Schüler auf einen abgetriebenen und struppirten, verbogenen und vertrackten Philister zu setzen, ihn auf dieser Karrikatur eines Reitpferdes in die Formen des sogenannten Normalsitzes hineinzuzwängen und nun zu verlangen, daß er bei dieser Art Leibesübung Passion oder gar Gefühl für’s Pferd sich aneignen soll. Die alten Meister setzten ihre Schüler aus vollkommen durchgebildete Schulpferde, und zwar zunächst in den Pilaren ohne Bügel und Zügel. Hier bedurfte es keiner anderen Instruktion, als der, sich unbefangen gerade, wie man gewachsen ist, hinzusetzen, das Gefäß ordentlich breit zu machen und dann die Beine natürlich herabhängen zu lassen, um in der geordneten, taktmäßigen Bewegung des Piaffe den Schüler bald so in Fühlung mit dem Pferde zu bringen, daß man zu den Pesaden und Sprüngen übergehen konnte, in denen der Reiter dann lernte, durch das weiche Mitgehen mit den Bewegungen des Pferdes seinen Sitz zu erhalten. So vorbereitet, wurde alsdann der Schüler, ebenfalls auf einem Schulpferde, an die Longe genommen, und lernte hier, ebenfalls ohne Bügel und Zügel, dasselbe im Vorgehen, was er in den Pilaren auf der Stelle gelernt hatte, das weiche Anschmiegen an alle Bewegungen des Pferdes, oder mit anderen Worten die Balance, worauf der gute und sichere Sitz weit mehr beruht, als auf dem so hochgepriesenen festen Schluß. Bei solcher Ausbildung, bei der sich bei gelegentlichen leichten Erinnerungen des Lehrers auch die schönen Formen des Sitzes ganz von selber finden, fand der Schüler von vorneherein Freude und Genuß an seinen Studien und begründete für’s ganze Leben das, was das Wichtigste für’s Reiten und besonders für’s Zureiten ist, das feine Reitergefühl. Es bedarf keiner Worte, daß in der Armee eine derartige Ausbildung der Rekruten unmöglich ist, der junge Mann aber, der sich der Reitkunst sachgemäß widmen will, dürfte nicht anders erzogen werden. Wenn daher heutzutage die Klage allgemein laut wird, daß wir keine Bereiter mehr haben, denen man ohne die größten Sorgen ein junges Pferd anvertrauen kann, so ist dies nur die natürliche Folge davon, daß es keine akademischen Reitschulen mehr giebt, auf denen Schulpferde ausgebildet werden, die dann die wahren Lehrer des Reiteleven abgeben.

Nachdem nun also der Schüler auf dem normal gerichteten Pferde den normalen Sitz erlernt hat, wird sich’s darum handeln, ihn auch die Abweichungen von diesem Sitz kennen zu lehren, wie sie das rohe oder minder durchbildete Pferd erfordert. Man wird ihn zu diesem Zweck nunmehr abwechselnd auch auf solche Pferde setzen und ihn darauf hinweisen, wie er bei richtiger Vertheilung seines Gewichts auch mit ihnen in Harmonie zu bleiben, d. h. seine Balance zu halten vermag, während ihm der Schluß stets zu Gebote stehen muß, um bei besonders heftigen und rüden Beweguugen seinen Sitz dadurch zu sichern. Eine Hauptregel für diesen auf richtiger Schwerpunktsverlegung beruhenden Balancesitz ist die, daß die gerade gerichtete Rückenwirbelsäule des Reiters auf der des Pferdes stets senkrecht ruhen, also mit derselben zwei rechte Winkel bilden soll. Nach diesem Grundsatz sehen wir den Wettreiter mit feinem Oberkörper ganz vorgeneigt die Schnelligkeit seines Renners vermehren, während er in einer zurückgerichteten oder selbst in der geraden Richtung des Körpers der Bewegung des Pferdes nicht folgen könnte. Wir sehen ferner das durchgebildete Kampagnepfekd unter seinem senkrecht gerichteten Reiter die künstlichsten Wendungen und Evolutionen in stets geregelten Gängen mit einer Leichtigkeit, Willigkeit und Ausdauer ausführen, daß der Laie unwillkürlich für diese schöne und scheinbar so leichte Kunst ein Interesse gewinnen muß. In dieser Richtung des Pferdes fällt sein Schwerpunkt in die Mitte zwischenVorder- und Hinterfüßen, und seine Wirbelsäule ist wagerecht gehalten, daher die senkrechte Haltung des Reiter-s. Endlich sehen wir das Schulpferd mit untergeschobenen Hinterfüßen, gebogener Hanke lind gesenkter Kroupe seine ebenso graziösen, als kräftigen Schulen auf und über der Erde ausführen. Der Reiter tummelt es darin mit sanft zurückgeneigtem Oberkörper mit einer Sicherheit und Genauigkeit, als wären die vier Füße desselben seine eigenen. In diesen Schulen liegt der Schwerpunkt des Pferdes senkrecht über seinen Hinterfüßen, und seine Wirbelsäule ist schräg von vorn nach hinten geneigt.

Durch Beobachtung dieses schon vorher erwähnten Grundsatzes über das Zusammen- oder genauer Senkrecht übereinander fallen der Schwerpunkte von Mann und Pferd kann der Reiter zwar nicht absolut, aber doch in der Wirkung sein Gewicht dein Pferde unendlich erleichtern, und dies ist der Grund, weshalb Pferde unter einem guten Reiter nicht nur doppelt soviel leisten, sondern auch viele Jahre länger brauchbar bleiben, als unter einem schlechten, obgleich der Letztere vielleicht das geringere absolute Körpergewicht in den Sattel bringt. Aus diesem Grunde ist auch jedes todte Gewicht bei der Bewegung so hindernd, und wird deshalb beim Rennpferde soviel wie möglich vermieden. Durch denselben Grundsatz ist es auch erklärlich, wie der Equilibrist zwei, selbst drei Männer seiner eigenen Größe und Schwere nicht nur feststehend auf sich balancirt, sondern sich auch noch leicht mit diesem enormen Gewicht bewegen kann, während in leblosem Zustande vielleicht schon einer dieser Männer eine schwere Last für ihn sein würde.

Wenn nun also, wie wir gesehen haben, der Sitz des Reiters in erster Linie von der Richtung des Pferdes abhängig und nur dann richtig ist, wenn er sich derselben unbedingt accomodirt, so ist doch auf die Formen desselben von wesentlichem Einfluss auch der Sattel, welcher ihm zur Unterlage dient. Der steife, schablonenmäßige, sogenannte Normalsitz, dessen Formen ich bei dem Leser dieser Arbeit als bekannt voraussehen darf, stammt aus einer Zeit, in welcher die Sättel durch Polsterung des Sitzes, hohe Rücklehnen und starke Vorderpauschen die gestreckte Haltung des Körpers so sehr erleichterten, daß dieselbe auf den damaligen wohl gerichteten Schulpferden natürlich und graziös erscheinen konnte.

Auch bei unserer Kavallerie ist dieser Sitz der vorschriftsmäßige und kann als solcher durchgeführt werden, da er durch den ungarischen oder Bocksattel gewissermaßen bedingt wird.

Dieser Sattel gewährt bei mangelhaften Reitern zu viel Vortheile, als daß er durch den englischen Sattel beseitigt werden konnte; denn er giebt diesen Tausenden von Reitern in Reih und Glied nicht nur eine einförmige Körperhaltung, sondern auch mehr Sicherheit , so daß es möglich ist, sie in so kurzer Dienstzeit auszubilden. Für die Bearbeitung des Pferdes aber ist er nicht vortheilhaft, da er nur den Spaltfitz zuläßt, also die feineren Hülfen der Balanee und Gewichtsvertheilung mehr oder weniger hindert, und außerdem durch seine hohle Lage auf dem Rücken des Pferdes den Reiter zu weit von demselben entfernt. Man sollte daher alle Avancirten auf englischen Sätteln in einem recht vollkommenen Balancesitz ausbilden, um sie dann zur Dressur der jungen Pferde zu verwenden. Sie würden dann viel bessere Bereiter für diese, sowie bessere Lehrer für ihre Mannschaften werden, und würden 10 bis 15 Jahre länger mit gesundem und gelenkem Körper ihren Dienst thun können. Wie viele andere Körperübungen, wenn regelmäßig und zweckentsprechend gehandhabt, dazu dienen, dem Menschen bis in’s hohe Alter hinein seine Glieder biegsam, beweglich und kräftig zu erhalten, so muß auch das Reiten, als die vollkommenste aller körperlichen Bewegungen, diesen Zweck erfüllen, wie dies auch die Erfahrung in allen denjenigen Fällen, wo es richtig betrieben wird, beweist. Wenn daher Reiter von Fach oder Leute eines anderen, vieles und anhaltendes Reiten bedingenden Berufes oft vor der Zeit steif und struppirt erscheinen, so ist dies entweder Folge anderweitiger nachtheiliger Einwirkungen, oder ein gezwungener unnatürlicher Sitz hat die Kräfte unnütz aufgerieben. Im richtigen, natürlichen Gleichgewicht kann man die größere Hälfte seines Lebens zu Pferde verbringen, und wird bis in’s hohe Alter hinein noch immer jugendlich frisch erscheinen. Um so nachtheiliger muß ein krampfhafter, steifer Sitz auf den Körper des Reiters einwirken, als ihm durch unseren heutigen englischen Sattel nicht die geringste Erleichterung in demselben gewährt wird, da derselbe außer der Sitzfläche und dem Bügeltritt dem Reiter keinen bequemen Halt bietet. Der stets praktische Engländer formte sich diesen Sattel nach und nach aus dem schweren deutschen Schulsattel, theils, um seine Pferde bei den anstrengenden Wett- und Jagdritten möglichst wenig zu belasten, theils, um im Fall des Sturzes bei gefährlichen Sprüngen sogleich frei vom Sattel zu sein, und womöglich schon im Falle vom Pferde getrennt zu werden; denn bei solchen Eventualitäten entstehen Knochenbrüche und andere Verletzungen öfter durch Quetschungen von Seiten des Pferdes, als durch den Kontakt mit dem Erdboden.

Während nun der englische Sattel diese Vortheile, wie beim Jagd- und Steeplechase-Reiten, so auch beim Kampagne- und Schulreiten gewährt, vermehrt er bei letzterem seine Nützlichkeit noch dadurch, daß er den feinen Balancesitz des Reiters erleichtert, aber auch bedingt, und dadurch demselben zwar eine höhere Aufgabe stellt, aber auch gleichzeitig die Kunst auf einen höheren Grad der Vollkommenheit bringen könnte. Während die alten Meister auf ihren Schulsätteln mit größerem Aufwand von Zeit und Kräften, sowohl von Seiten des Pferdes als des Reiters mit seinen Hülfstruppen, die Reitkunst auf einen hohen Standpunkt zu bringen wußten, werden wir, wenn wir mit unseren leichteren, beweglicheren und edleren Pferden auch nur denselben Standpunkt wieder erreichen, doch vollkommener in der Kunst dastehen, da wir uns zur Erreichnng ihrer Ziele nur einfacher, natürlicher Mittel bedienen.

Selbst auf die Gefahr hin, den Leser zu ermüden, komme ich daher immer wieder darauf zurück, in der Haltung des Reiters alles Steife und Gezwungene zu vermeiden, und sich recht klar zu machen, was eigentlich für dieselbe nöthig ist und weshalb.

Ein zu stark angezogener Rücken krümmt die Wirbelsäure nach vorn zu ebenso, wie ein zu sehr nachgelassener dies nach hinten thut, und hat daher auch dieselben Nachtheile, nur in umgekehrter Richtung. Es hält bei manchen Schülern sehr schwer, die richtige Mitte zwischen diesen beiden Ex- tremen inne zu halten, und doch hängt hiervon fast alles ab. Die Wirbelsäule ist gleichsam der Stamm, von dem alle Glieder ausgehen und an dem alle Organe ihren Befestigungspunkt finden. Von der Richtung dieses Stammes muß also auch die Funktion der letzteren und die Kraftäußerung der ersteren abhängig sein. Man lasse daher bei den Sitzübungen des Schülers beide Extreme zuweilen künstlich üben, um demselben durch eigenes Gefühl die natürliche, gerade Haltung finden zu lassen. Auch wird ihm dies deshalb um so nützlicher sein, als er später bei der Dressur des Pferdes beide extremen Haltungen oft als Hülfen nöthig hat, um seinen Schwerpunkt mit dem des Pferdes in Uebereinstimmung zu bringen. Das Zurückrichten der Schultern ist nöthig, theils, um das Brustgewölbe frei zu halten, damit die edlen Organe der Brusthöhle nicht beengt werden, theils, um die Arme dadurch gleichzeitig zurück zu bringen, damit die Unterarme die für eine sichere Führung nothwendige Anlehnung am Körper finden. Man vermeide dabei aber das Hochziehen der Schultern, da dies nicht nur die Freiheit der Arme beeinträchtigen, sondern auch dem ganzen Oberkörper etwas Gezwungenes geben würde.

Nächst der richtigen Haltung der Wirbelsäure ist die flache Lage des Oberschenkels das Hauptmoment der ganzen Lehre vom Sitz. Die richtige Lage dieses Theiles bedingt nicht nur die Stetigkeit der Hüften, sondern erweitert auch die Gesäßfläche, und sichert dem Reiter seine Haltung durch Schlußnehmen in solchen Momenten, wo die Balance dazu nicht ausreichen sollte, in einer Weise, die das Pferd durchaus nicht irritirt.

Der Unterschenkel dagegen ist zwar für den Sitz weniger wesentlich, um so mehr jedoch als Hauptorgan für die vortreibenden Hülfen und das richtige Stützen auf die Bügel. Da er zu diesem Zweck beweglich und im Fußgelenk elastisch sein muß, so ist es sehr falsch, wenn man den Schüler zwingt, durch Strecken des Kniegelenks und übermäßiges Heben der Fußspitze diesen Theil steif und unbeweglich zu gewöhnen. Ein steif gewöhnter Unterschenkel wird späterhin weder mit dem Fuß den Bügel richtig halten, noch mit Wade und Sporn die Hülfen richtig geben können. Das Heben der Fußspitze hat ja nur den Zweck, den Hacken mit dem Sporn mehr nach unten zu richten, damit der noch ungeübte Schüler sein Pferd durch unabsichtliches Berühren damit nicht beunruhige. Sobald daher seine Haltung durch Balance und Oberschenkelschluß gesichert ist, mag er seinen Unterschenkel ganz weich und natürlich hängen lassen.

Um den starken Einwirkungen, die durch die Bewegungen des Pferdes auf seinen Sitz ausgeübt werden, widerstehen oder vielmehr sie aufheben zu können, muß der Reiter biegsam in den Hüften sein, und aus denselben den Oberkörper leicht und gewandt drehen und wenden können. Um diese Fertigkeit zu erlangen, lasse man den Schüler bei den Sitzübungen ohne Bügel sein Gleichgewicht öfter nach der einen oder anderen Seite hin absichtlich verlieren, um, wenn er dann mit zu großem Gewicht nach dieser Seite hin hängt, nur durch einen Schwung aus den Hüften ohne alle weitere Unterstützung durch Hand oder Schenkel den richtigen Sitz wieder zu gewinnen.

Bei dieser Gelegenheit möchte ich auf eine Broschüre des Grafen Denes Szechenyi verweisen, welcher in richtiger Erkenntniß der Wichtigkeit und der Grundbedingungen eines naturgemäßen Balancesitzes ebenfalls Sitzübungen an der Longe ohne Bügel und Zügel und bei diesen sogar das Ballspiel empfiehlt. Es werden dabei jedenfalls passionirtere und gefühlvollere Reiter ausgebildet werden, als durch Einzwängen in den steifen Normalsitz.

Die schönen Künste erzeugen wahrhaft Schönes nur, wenn sie sich in den Grenzen des Natürlichen halten. Jede Ueberschreitung dieser Grenzen bestraft sich durch Zerrbilder und Karrikaturen, und obgleich die Mode auch solche mitunter schön findet, haben sie doch mit der wahren Kunst nichts gemein. Indem ich dies wichtige Kapitel schließe, verlange ich daher von jedem Reiter, der diesen Namen wirklich verdienen will, daß seine einzelnen Glieder durch den Hang ihres Gewichts den Ruhepunkt und damit die Stetigkeit finden, und daß die Gesammthaltung keinerlei Zwang oder Steifigkeit nöthig mache. Jede derartige Anstrengung erfordert einen Aufwand von Kräften, und wirkt dadurch nicht nur sehr ermüdend, sondern raubt auch den Gliedern ihre Elastizität und Beweglichkeit, und übt auf die freien Bewegungen des Pferdes einen hemmenden Einfluß. Künstlich einwirken mit seinen Kraftäußerungen soll der Reiter nur momentan, wenn es die Hülfen erfordern, aber stets, wenn diesen Folge geleistet ist, zur Haltung der Ruhe zurückkehren, und durch entsprechende Richtung des Körpers den Gängen des Pferdes folgen. Betrachten wir die Reitergruppen der alten Griechen aus ihren Olympischen Spielen, so werden wir hingerissen von der Grazie und Anmuth, die sich in jeder Stellung des Reiters, wie des Pferdes ausdrückt Würde es den alten Meistern der Skulptur, denen seit Jahrhunderten nachgestrebt wird, ohne sie erreichen zu können, möglich gewesen sein, derartiges zu gestalten, wenn sie nicht die Modelle verkörpert vor Augen gehabt hätten?